Das Wichtigste auf einen Blick

  • Ein Anruf ersetzt das Mahnschreiben nicht, er folgt ihm. Die Pflichtangaben nach § 13a RDG gehen bei der ersten Geltendmachung in Textform an den Schuldner.
  • Vor jeder Aussage zur Forderung prüft die KI, ob sie mit der richtigen Person spricht. Dritten und Anrufbeantwortern nennt sie keinen Grund.
  • Anrufzeiten, Zahl der Versuche und Pausen legt der Betrieb fest. Das Ziel ist Erreichbarkeit, nicht Druck.
  • Im Gespräch erinnert die KI an die Forderung, nimmt Zahlungszusagen auf und bietet Raten innerhalb der Vorgaben des Gläubigers an.
  • Widerspruch, Insolvenz und Härtefälle gehen an Menschen. Jeder Anruf wird dokumentiert.

Einleitung

Das Mahnschreiben ist verschickt, die Frist ist abgelaufen, und auf dem Konto ist nichts angekommen. Die nächste Stufe wäre noch ein Brief. Viele Forderungen bleiben aber nicht offen, weil der Schuldner nicht zahlen will, sondern weil der Brief ungeöffnet im Stapel liegt, die Bankverbindung fehlt oder die Frage nach einer Rate nie gestellt wurde. Ein kurzer Anruf klärt das oft in wenigen Minuten.

Das Problem ist der Aufwand. Ausgehende Anrufe binden Personal, und Schuldner sind tagsüber oft nicht erreichbar, weil sie selbst arbeiten. Eine Telefon-KI kann diese Anrufe übernehmen: zu festen Zeiten, mit gleichbleibender Sorgfalt und mit vollständiger Dokumentation. Dieser Beitrag zeigt, wann ein Anruf sinnvoll ist, was dabei gilt und wie ein solches Gespräch abläuft. Er ist keine Rechtsberatung; welche Pflichten in Ihrem Fall gelten, klären Sie bitte mit Ihrer Rechtsberatung oder Ihrem Verband.

Wann ein Anruf mehr bringt als der nächste Brief

Ein Anruf ist kein Ersatz für das Mahnwesen, sondern eine Ergänzung an der Stelle, an der Schreiben nicht mehr weiterhelfen. Typische Fälle sind:

  • Keine Reaktion auf Schreiben: Die Forderung ist zugegangen, aber es kommt weder Zahlung noch Widerspruch.
  • Zahlungszusage ohne Zahlung: Der Schuldner hat eine Zahlung angekündigt, sie ist aber nicht eingegangen.
  • Geplatzte Rate: Eine laufende Ratenvereinbarung wurde einmal nicht bedient.
  • Kleine Beträge: Bei geringen Forderungen lohnt ein manuell geführter Anruf kaum, ein automatisierter schon eher.

In all diesen Fällen geht es nicht darum, Druck aufzubauen. Es geht darum, den Schuldner zu erreichen und ihm einen einfachen Weg zur Zahlung zu zeigen. Wer zahlen will, aber nicht weiß wie, ist nach einem Anruf oft schneller erledigt als nach drei weiteren Schreiben.

Wichtig ist die Reihenfolge. Inkassodienstleister müssen einer Privatperson mit der ersten Geltendmachung bestimmte Angaben in Textform übermitteln, darunter den Auftraggeber, den Forderungsgrund und die Zusammensetzung der Kosten (§ 13a RDG). Der Anruf kommt deshalb nach dem Schreiben, nicht an seiner Stelle. Gläubiger mit eigenem Mahnwesen fallen nicht unter das Rechtsdienstleistungsgesetz, für sie gilt die Reihenfolge aber aus demselben Grund: Am Telefon lässt sich auf ein Schreiben verweisen, das der Schuldner in der Hand hält.

Was rechtlich gilt

Ein Anruf zu einer bestehenden Forderung ist keine Werbung. Die strenge Einwilligungsregel für Werbeanrufe greift deshalb nicht in derselben Weise. Das heißt aber nicht, dass alles erlaubt ist. Drei Grenzen sollten Sie kennen:

Keine Belästigung. Anrufe dürfen nicht so häufig oder zu solchen Zeiten erfolgen, dass sie als unzumutbar empfunden werden. Das Gesetz nennt keine feste Uhrzeit, maßgeblich ist der Einzelfall. Eine klare Regel für Zeiten, Zahl der Versuche und Pausen schützt davor, diese Grenze aus Versehen zu überschreiten.

Kein unzulässiger Druck. Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass ein Inkassounternehmen auf mögliche rechtliche Schritte hinweisen darf, solange der Hinweis zutrifft und die Entscheidungsfreiheit des Schuldners nicht unzulässig beeinträchtigt wird (BGH, I ZR 25/17). Für eine KI heißt das: Sie nennt nur Folgen, die tatsächlich vorgesehen sind, und nur in Formulierungen, die vorher freigegeben wurden. Was eine KI dabei nie sagen sollte, beschreibt unser Beitrag zu den Regeln im Schuldnergespräch.

Keine Auskunft an Dritte. Dass jemand Schulden hat, ist eine sensible Information. Nimmt ein Familienmitglied, eine Kollegin oder ein Anrufbeantworter ab, darf die Forderung nicht zur Sprache kommen. Die KI muss also zuerst klären, mit wem sie spricht.

Dazu kommt die Kennzeichnung: Die KI sagt zu Beginn, dass eine digitale Assistenz spricht und in wessen Auftrag sie anruft. Warum das wichtig ist, steht in unserem Beitrag zur Kennzeichnung von KI am Telefon.

So läuft ein Anruf der Telefon-KI ab

Ein gut eingerichteter Erinnerungsanruf folgt immer demselben Ablauf, unabhängig davon, wie das Gespräch verläuft.

  1. Begrüßung und Kennzeichnung: Die KI nennt das Unternehmen, sagt, dass eine digitale Assistenz spricht, und fragt nach der gesuchten Person.
  2. Identifikation: Erst wenn die Person bestätigt ist, etwa über Aktenzeichen, Geburtsdatum oder hinterlegte Adressdaten, geht das Gespräch weiter. Wie das zuverlässig gelingt, zeigt unser Beitrag zum Identifizieren von Anrufern.
  3. Anlass: Die KI verweist auf das Schreiben und nennt den offenen Betrag, so wie er im System steht. Fragt der Schuldner nach der Zusammensetzung, erklärt sie Hauptforderung, Zinsen und Kosten.
  4. Lösung: Sie fragt, ob die Zahlung möglich ist, nennt den Zahlungsweg und nimmt eine Zahlungszusage mit Datum auf. Ist eine Rate erlaubt, bietet sie die Raten an, die das System nach den Vorgaben des Gläubigers berechnet.
  5. Abschluss: Die KI fasst zusammen, was vereinbart wurde, und trägt das Ergebnis im Inkasso- oder ERP-System ein.

Jeder Anruf endet mit einem klaren Ergebnis: Zahlungszusage, Ratenvereinbarung, Widerspruch, Rückrufwunsch, falsche Nummer oder nicht erreicht. Genau diese Einteilung macht die Anrufe auswertbar und zeigt, welche Fälle als Nächstes ein Mensch ansehen sollte.

Wenn das Gespräch anders verläuft

Nicht jeder Anruf endet mit einer Zusage. Für die häufigsten Abweichungen braucht es feste Regeln:

  • Falsche Person oder falsche Nummer: Die KI beendet das Gespräch höflich, ohne den Anlass zu nennen, und markiert die Nummer, damit sie nicht erneut angerufen wird.
  • Anrufbeantworter: Höchstens Name und Rückrufnummer, kein Grund. Ruft der Schuldner zurück, landet er wieder bei der KI, die dann identifiziert und weiterhilft.
  • Widerspruch: Die KI bewertet ihn nicht, erklärt den schriftlichen Weg und dokumentiert das Gespräch. Weitere Erinnerungsanrufe zu diesem Fall stoppen, bis das Team entschieden hat.
  • Insolvenz oder persönliche Härte: Die KI nimmt auf, worum es geht, und übergibt den Fall an das Team. Eine Notlage am Telefon richtig einzuordnen, ist Aufgabe eines Menschen.
  • Wunsch nach einem Menschen: Wird immer erfüllt, mit Rückruf oder direkter Weiterleitung.

Hier gehört auch der ehrliche Teil hin. Eine KI hat keine Emotionen, sie bleibt sachlich und freundlich, auch wenn der Angerufene laut wird. Sie kann sich aber nicht in eine Notlage einfühlen. Leichte Verzögerungen vor einer Antwort sind technisch normal, und manche Angerufene brauchen einen Moment, um sich auf das Gespräch mit einer KI einzustellen. Wer das vorher weiß, plant die Übergaben an Menschen bewusst ein.

Was vor dem ersten Anruf geregelt sein muss

Ob die Anrufe im Alltag tragen, entscheidet sich vor dem Start. Diese Fragen sollten beantwortet sein:

  • Welche Fälle werden angerufen, und in welcher Stufe des Mahnprozesses?
  • Zu welchen Zeiten wird angerufen, wie oft höchstens, und mit welchen Pausen?
  • Mit welchen Merkmalen wird identifiziert, und was passiert, wenn die Prüfung scheitert?
  • Welche Raten darf die KI anbieten, und schließt sie ab oder merkt sie vor?
  • Welche Hinweise auf Folgen sind freigegeben, und in welchem Wortlaut?
  • Wann stoppen die Anrufe zu einem Fall, etwa nach Widerspruch oder Zahlungseingang?

Die Antworten werden zu Regeln, an die sich die KI in jedem Gespräch hält. Das ist der eigentliche Vorteil gegenüber einer manuellen Anrufliste: Die zehnte Erinnerung am Abend wird genauso sorgfältig geführt wie die erste am Morgen.

So setzt TalkPilot das um

TalkPilot ist eine KI-Plattform für die Kundenkommunikation, die eingehende und ausgehende Gespräche übernimmt und an die bestehenden Fall-, Zahlungs- und ERP-Systeme angebunden wird. Als KI-Telefonassistent ruft TalkPilot im Forderungsmanagement nach den Regeln des Betriebs an, identifiziert die Person vor jeder Auskunft, nimmt Zahlungszusagen auf, bietet Raten innerhalb der Vorgaben an und trägt jedes Ergebnis im System ein. Bei einem deutschlandweit tätigen Inkassounternehmen laufen so rund 670 Anrufe pro Woche, eingehend und ausgehend, jeder Anrufer wird vor einer Auskunft identifiziert.

Die Regeln entstehen im Kick-off, werden vor dem Go-Live von externen Testern mit schwierigen Gesprächen geprüft und danach täglich von Menschen kontrolliert. Jedes Gespräch wird ausgewertet, damit Formulierungen und Abläufe anhand echter Anrufe nachgeschärft werden. Bis zum Go-Live vergehen in der Regel drei bis vier Wochen. Wie das im Forderungsmanagement aussieht, zeigt unsere Seite für Inkasso und Forderungsmanagement, mehr zu ausgehenden Anrufen allgemein die Seite zum Outbound.

Häufige Fragen

Darf ein Inkassounternehmen Schuldner überhaupt anrufen?

Ein Anruf zu einer bestehenden Forderung ist keine Werbung, die Einwilligungsregel für Werbeanrufe greift deshalb nicht in derselben Weise. Unzulässig wird es, wenn Anrufe belästigen oder Druck mit unzutreffenden Folgen erzeugen. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung, die Einordnung im Einzelfall klären Sie bitte mit Ihrer Rechtsberatung oder Ihrem Verband.

Zu welchen Uhrzeiten darf eine KI Schuldner anrufen?

Das Gesetz nennt keine feste Uhrzeit. Maßstab ist, ob ein Anruf zumutbar ist. Üblich und sinnvoll sind Zeiten am Tag und frühen Abend unter der Woche, keine Anrufe in der Nacht, an Sonn- und Feiertagen und nicht mehrmals am selben Tag. Die genauen Zeitfenster legt der Betrieb fest, die KI hält sie ein.

Was sagt die KI, wenn jemand anderes abnimmt?

Nichts zur Forderung. Sie fragt nach der gesuchten Person und bittet um einen Rückruf oder ruft später erneut an. Auch auf einem Anrufbeantworter hinterlässt sie höchstens Name und Rückrufnummer, keinen Grund des Anrufs.

Kann die KI am Telefon eine Ratenzahlung vereinbaren?

Ja, innerhalb der Vorgaben des Gläubigers. Sie prüft im System, ob für den Fall eine Rate angeboten werden darf, nennt die möglichen Raten und legt die Vereinbarung an oder gibt sie zur Freigabe an die Sachbearbeitung.

Gibt sich die KI als KI zu erkennen?

Ja. Zu Beginn des Gesprächs sagt sie, dass eine digitale Assistenz spricht und in wessen Auftrag sie anruft. Wer lieber mit einem Menschen sprechen möchte, bekommt einen Rückruf angeboten.

Fazit

Eine Zahlungserinnerung per Telefon schließt die Lücke zwischen Schreiben, die liegen bleiben, und Schuldnern, die eigentlich zahlen würden. Eine Telefon-KI kann diese Anrufe zuverlässig und zu passenden Zeiten führen, wenn die Grenzen vorher feststehen: erst das Schreiben, dann der Anruf, vor jeder Aussage die Identifikation, keine Auskunft an Dritte, nur freigegebene Hinweise auf Folgen und klare Übergaben an Menschen.

Wer diese Regeln festlegt, gewinnt Erreichbarkeit, ohne die Sorgfalt zu verlieren. Wenn Sie wissen möchten, welche Fälle in Ihrem Mahnprozess sich für einen Anruf eignen, sprechen wir das gern im Erstgespräch mit Ihnen durch.

Gregor Kuhlmann, Co-Founder & CTO TalkPilot

Gregor Kuhlmann

Co-Founder & CTO, TalkPilot

Gregor Kuhlmann ist Co-Founder von TalkPilot und spezialisiert auf KI-gestützte Sprachsysteme für KMU. Er schreibt über Voice AI, Automatisierung und die praktische Einführung von KI-Telefonassistenten im Mittelstand.

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